Kanarienvogel – Zucht und Nachwuchs

Die Kanarienvogelzucht ist im Vergleich zur Zucht von anderen Vogelarten, wie zum Beispiel Papageien, deutlich einfacher. Dennoch gibt es auch bei der Zucht von Kanarienvögeln einige Dinge, die es zu beachten gilt. Wir raten deshalb dazu, sich bereits im Vorfeld ordentlich zu informieren oder aber die Zucht lieber gleich erfahrenen Haltern und Züchtern zu überlassen.

Die Fortpflanzung von Kanarienvögeln in der Natur

Kanarienvögel beziehungsweise ihre wilden Verwandten durchlaufen in der Wildnis einen natürlichen Jahreszyklus, der einerseits die Fortpflanzung und andererseits aber auch die Aufzucht und das Erwachsenwerden der Jungvögel ermöglicht. Der Jahrszyklus ist in der Natur notwendig, da es durch die verschiedenen Jahreszeiten zu Temperaturschwankungen und einem unterschiedlichen Nahrungsangebot kommt und es deshalb für den Nachwuchs überlebenswichtig ist, wann er schlüpft.

Paarbildung und Nestbau

In der Natur sind Kanarien im Winter Schwarmvögel, das heißt sie finden sich zur Überwinterung zu lockeren Fluggruppen zusammen. Im Frühjahr trennen sich die Wege allerdings wieder und die Vögel bilden ihre eigenen Reviere, die sie auch gegen fremde Artgenossen energisch verteidigen. Während der Balzzeit kommt es dann zur Paarbildung und wenig später zur Paarung. Das Weibchen beginnt damit ein Nest zu bauen und legt in dieses dann ihre Eier.

Eiablage und Brut

Nach der Eiablage folgt dann auch schon die Brutzeit. Diese dauert 13-14 Tage und während dieser Zeit verlässt das Weibchen ihr Nest nur um Kot abzusetzen und zu trinken. Das Männchen hingegen ist an der Brut selbst nicht direkt beteiligt. Er unterstützt das Weibchen allerdings dadurch, dass er es (und nach dem Schlüpfen auch die Jungtiere) mit Nahrung versorgt.

Aufzucht der Jungvögel

Mit etwa zwei Wochen verlassen die Jungvögel das erste Mal ihr Nest. Im ersten Lebensmonat werden sie allerdings trotzdem noch von ihren Eltern gefüttert. Während dieser Zeit erlernen die Jungtiere von ihrem Vater die Nahrungsbeschaffung. Nach etwa 4-5 Wochen sind die jungen Kanarienvögel dann selbständig. Im Anschluss an die erste Mauser (Jugendmauser) sind die Tiere dann geschlechtsreif. Nun steht der Winter bevor und der Jahreskreislauf beginnt von vorn.

Die Fortpflanzung von Kanarienvögeln in der Heimtierhaltung

Auch in der Haustierhaltung kommt es bei Kanarienvögeln zur Brut. Brutauslösende Faktoren sind dabei vor allem die Tageslichtlänge, die Temperatur aber auch das Futterangebot. Längere Tage, wärmere Temperaturen und reichhaltigeres Futter wecken früher oder später automatisch den natürlichen Bruttrieb der Tiere.

Bei der Haustierhaltung von Kanarien kann eine ungewollte Fortpflanzung zu einem Problem werden. Oftmals sind die Haltungsbedingungen zum Beispiel nur für eine bestimmte Anzahl an Vögeln ausgelegt und für mehr fehlt einfach der Platz. Viele Halter fragen sich deshalb, wie sie die Brut bei ihren Kanarienvögeln verhindern können.

Die Brut von Kanarienvögeln lässt sich kaum vermeiden

Grundsätzlich kann man es bei Kanarienvögeln kaum verhindern, dass eine Henne irgendwann in Brutstimmung kommt, schließlich liegt die Fortpflanzung in der Natur eines jeden Lebewesens. Da man als Halter jedoch direkten Einfluss auf die Haltungsbedingungen und damit auch auf die brutauslösenden Faktoren hat, kann man den Zeitpunkt der Brutsaison ein wenig steuern.

In der Wildnis leben Kanarien in ihrem natürlichen Jahreskreislauf und für die Tiere ist aufgrund der Jahreszeiten und des Nahrungsangebots klar, wann Brutsaison ist und wann nicht. Im Rahmen einer artgerechten Haltung von Kanarien sollte man den Jahreskreislauf der Vögel deshalb bestmöglich simulieren. Dies kann man dadurch erreichen, dass man sich bei der Menge und der Zusammensetzung des Futters an der jeweiligen Jahreszeit orientiert und auch die Lichtzufuhr entsprechend anpasst.

Ungewünschten Nachwuchs verhindern

Wenn Kanarienvögel jedoch erst einmal in Brutstimmung gekommen sind, sollte man diese als Halter im Sinne einer artgerechten Haltung nicht künstlich unterdrücken. So ist es zum Beispiel fatal, wenn man der Henne die Eier einfach aus dem Nest nimmt. Sie wird dadurch nämlich ihren Bruttrieb nicht verlieren und unter Umständen stattdessen immer wieder neue Eier legen. Für die Henne wäre das eine enorme Tortur, die letztendlich sogar im Tod aufgrund von totaler Erschöpfung enden könnte.

Stattdessen sollte man die Kanarien mit ihrer Brut gewähren lassen und die Tiere dabei bestmöglich unterstützen. Generell gilt deshalb, dass bei einer Schwarmhaltung die Kanarien während dieser Zeit stets paarweise getrennt untergebracht werden sollten. Natürlich sind nicht alle Halter von Kanarienvögeln immer an Nachwuchs interessiert. Deshalb gibt es auch eine zuverlässige Möglichkeit, um unerwünschten Nachwuchs zu verhindern.

Sobald die Henne ein neues Ei gelegt hat, nimmt man es aus dem Nest und tauscht es einfach durch ein künstliches Plastik- oder Tonei aus. Die Henne wird den Unterschied nicht bemerken und trotzdem versuchen, die künstlichen Eier auszubrüten. Selbst in der Natur sind allerdings nicht alle Bruten von Erfolg gekrönt, so dass die Henne instinktiv nach der kanarientypischen Brutzeit von 13-14 Tagen von sich aus aufgeben wird, wenn sie erkennt, dass keine Küken geschlüpft sind.

Die Zucht von Kanarienvögeln

Zur Kanarienvogelzucht benötigt man rechtlich gesehen keine Zuchtgenehmigung. Im Interesse der Tiere sollte die Zucht dennoch nur von erfahrenen Haltern oder Züchtern angestrebt werden.

Voraussetzungen für die Zucht

Die Zucht von Kanarienvögeln funktioniert allgemein am besten, wenn man sie gründlich vorbereitet und ordentlich plant. Bevor man also aktiv wird, sollte man sich erst einmal um eine vernünftige Brutvorbereitung kümmern. Bei diesem Punkt gilt, dass die Zucht von Kanarienvögeln nicht erst mit dem Verpaaren der Tiere beginnt, sondern bereits wesentlich früher.

Brutvorbereitung

Die späteren Zuchttiere sollten sinnvollerweise bereits während des Winters gemeinsam mit anderen Kanarien in einer großen Voliere gehalten werden, damit sich das zukünftige Paar bereits weit vor der Brut kennenlernen und aneinander gewöhnen kann. In der Wildnis beginnt im Frühjahr dann die Brutsaison. In der Haustierhaltung von Kanarienvögeln kann die Brutsaison jedoch auch jahreszeitenunabhängig durch die Beeinflussung der brutauslösenden Faktoren, wie Tageslicht, Temperatur und Futterangebot gesteuert werden.

Sobald die Zeit reif ist, werden die Kanarienvögel in kleinere Zuchtkäfige umgesiedelt. Diese Zuchtkäfige müssen natürlich den Grundsätzen für eine artgerechte Haltung entsprechen, was bedeutet, dass sie eine Größe von mindestens 50 cm x 40 cm x 40 cm (Breite x Länge x Höhe) besitzen müssen. In der Praxis wird heute meist die sogenannte Paarhecke betrieben, bei der zur Zucht genau ein Hahn und eine Henne miteinander verpaart werden.

Zuerst werden die Kanarienvögel paarweise (jedoch noch getrennt voneinander) in einem Zuchtkäfig untergebracht. Die beiden Zuchtkäfige sind lediglich durch eine herausnehmbare Gitterwand abgetrennt. Über diese Gitterwand kann sich das gewünschte Zuchtpaar beschnuppern und aneinander gewöhnen. Nun sollten die Tiere mit einer passenden Futterauswahl auf die Brut vorbereitet werden.

Eine ausreichende Versorgung mit allen Nährstoffen ist zu diesem Zeitpunkt besonders wichtig, da die Henne ihre Eier nur aus den Stoffen bilden kann, die sie über die Nahrung aufnimmt. Aus diesem Grund sollten die Tiere rechtzeitig mit sogenanntem Ei- beziehungsweise Aufzuchtsfutter gefüttert werden. Ebenso ist eine ausreichende Versorgung mit Mineralien jetzt besonders wichtig.

Verlauf der Brut

Nach ein paar Tagen wird das Paar sich aneinander gewöhnt haben und in Brutstimmung gelangen. Man kann dies daran erkennen, dass die Vögel besonders unruhig werden. Die Henne lässt nun öfter ihren trillernden Lockruf hören und schlägt aufgeregt mit den Flügeln. Der Hahn erwidert den Lockruf und trägt seinerseits seinen markanten Gesang vor, um um die Henne zu werben.

Zum Höhepunkt der Balzzeit signalisiert die Henne dem Hahn dann ihre Paarungsbereitschaft durch die sogenannte Nestbauzeremonie. Dabei nimmt die Henne ein Stück Nistmaterial, typischerweise eine Feder, in ihren Schnabel und setzt sich damit auf einen Nistplatz. Nun kann man den Hahn zur Henne lassen. Der eigentliche Paarungsakt dauert dann lediglich 2-3 Sekunden.

Sobald die Henne in Brutstimmung gelangt, beginnt sie damit, Nistmaterial für den Nestbau zusammenzusuchen. Damit die Henne ihr Nest nicht einfach auf dem Boden baut, sollte man nun jeweils 1-2 Nestkörbchen in den Zuchtkäfigen anbringen. Zusätzlich braucht die Henne für den Bau natürlich auch noch entsprechendes Nistmaterial. Besonders geeignet sind Heu, Gras, Moos oder Scharpie (Baumwollfäden).

Nach Fertigstellung des Nests legt die Henne üblicherweise am nächsten Morgen ihr erstes der insgesamt 3-6 Eier. Kanarienvögel legen normalerweise nur ein einziges Ei pro Tag, wobei es zwischendrin auch einmal eine Pause von einem Tag geben kann. Sobald die Henne ein neues Ei gelegt hat, sollte man dieses vorsichtig (zum Beispiel mit ein einem Löffel) entfernen und gegen ein Kunstei austauschen.

Nur so kann sicher gewährleistet werden, dass alle Küken am selben Tag schlüpfen. Dies ist wichtig, da Nachzügler bei der Futterversorgung und Entwicklung immer im Nachteil sind und dadurch letztendlich schlechte Überlebenschancen haben. Wenn die Henne ihr letztes Ei gelegt hat, kann man die Kunsteier wieder gegen die richtigen ersetzen und die Brutzeit beginnt.

Während der nächsten 13-14 Tage verlässt die Henne das Nest fast nur zum Trinken oder um Kot abzusetzen. Es ist ideal, wenn der Hahn weiter bei der Henne bleiben kann, denn er wird zwar nicht mitbrüten, sich aber dennoch nützlich machen, indem er die Henne mit Futter versorgt.

Aufzucht der Jungvögel

Am 13. oder 14. Tag werden die ersten Küken schlüpfen. Man bekommt es meist ganz einfach dadurch mit, dass man zerbrochene Eierschalen auf dem Boden des Käfigs vorfindet. Spätestens nach 15 Tagen sollten die Jungvögel dann alle geschlüpft sein. Nach dieser Zeit wird sich allerdings leider nichts mehr tun. In diesem Fall waren die Eier höchstwahrscheinlich unbefruchtet oder aber die Küken verendeten, bevor sie überhaupt schlüpfen konnten. Im Normalfall sollte man sich allerdings an 3-6 lebenden Küken erfreuen können.

Nach dem Schlüpfen können die Küken sich noch nicht selbständig ernähren und werden deshalb von der Henne gefüttert. Es ist wichtig, dass man während der ersten Tage nach dem Schlüpfen kein Grünfutter anbietet, denn die Küken sind noch nicht in der Lage, dieses zu verdauen. Füttert man dennoch Grünfutter, so geben es die Eltern an die Jungvögel weiter, was bei diesen dann zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Während der ersten Tage wird deshalb nur das übliche Körnerfutter und das für das gesunde Heranwachsen der Küken notwendige Aufzuchtsfutter gereicht.

Nachdem ein paar Tage vergangen sind, kann dann damit begonnen werden, Grünfutter unter das Aufzuchtsfutter zu mischen. Mit etwa 3 Wochen werden die Küken flügge und verlassen erstmals ihr Nest. Nun ist es die Aufgabe des Hahns, den Jungvögeln die selbständige Nahrungsbeschaffung beizubringen. Zu dieser Zeit kann man damit beginnen, das Aufzuchtsfutter zu reduzieren. Die Jungvögel lernen nun, das Körnerfutter zu fressen, und brauchen in der Folge weniger Aufzuchtsfutter.

Während sich der Hahn weiter um die Versorgung der Jungvögel kümmert, bereitet die Henne bereits die nächste Brut vor. Kanarienvögel brüten auch in der Natur durchaus 2-3 Mal pro Jahr und dieses Verhalten ist deshalb völlig normal. Durch eine starke Reduzierung des Aufzuchtfutters kann man das Ende der natürlichen Brutsaison simulieren und die Henne von weiteren Brutversuchen abhalten. Im Interesse der Tiere sollten Kanarienvögel auch in der Haustierhaltung höchstens 2-3 Mal jährlich brüten, da die Brut sehr anstrengend für die Vögel ist.

Abgabe der Jungvögel

Mit etwa 4-5 Wochen sind die Jungvögel soweit, dass sie sich komplett selbständig ernähren können. Vorher dürfen junge Kanarienvögel auf keinen Fall abgegeben und dabei von ihren Eltern getrennt werden. Der frühestmögliche Abgabezeitpunkt ist jedoch nicht der ideale Abgabezeitpunkt. Im Interesse der Tiere sollten die Jungvögel nach der Trennung von ihren Eltern noch für eine kurze Zeit im Schwarm mit anderen Jungvögeln zusammenleben, um ihnen eine artgerechte Sozialisation zu ermöglichen.

Im Alter von ungefähr 8-10 Wochen durchlaufen junge Kanarien üblicherweise ihre erste Mauser, die sogenannte Jugendmauser. Die Mauser bedeutet für alle Kanarienvögel ein gewisses Maß an Stress. Idealerweise sollte man die Jungvögel deshalb erst nach ihrer Jugendmauser abgeben. Diese ist mit etwa 3-4 Monaten beendet und dieses Alter ist damit meist auch das ideale Alter für eine Abgabe.

Geschlechtsbestimmung beim Kanarienvogel

Die Geschlechtsbestimmung ist bei Kanarienvögeln (besonders Jungvögeln) vergleichsweise schwierig. Gerade beim Kauf von Kanarien in Zoofachgeschäften kommt es deshalb recht häufig vor, dass das Personal, das nicht immer besonders viel Fachwissen besitzt, die Geschlechter falsch bestimmt. Es wäre deshalb nicht das erste Mal, dass die im Geschäft gekaufte Henne irgendwann mit dem Singen anfängt und sich später doch als Hahn entpuppt. Erfahrene Züchter können die Geschlechtsbestimmung erfahrungsgemäß wesentlich zuverlässiger durchführen.

Grundsätzlich kann man Hennen und Hähne bei Kanarien am zuverlässigsten durch den Gesang und der Form beziehungsweise dem Aussehen von Kloake und äußerem Geschlechtsteil unterscheiden. Hähne singen ausdauernd, laut und melodisch. Ihre Kloake ist eher zapfenförmig. Hennen singen hingegen seltener, leiser und weniger melodisch. Ihre Kloake ist im Vergleich zu der von Hähnen eher abgeflacht.

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